Die sieben Todsünden der Kleinbürger

Bertolt Brecht

Ballet chantè for sangerinde, danserinde, mandskvartet og orkester

Musik von Kurt Weill

Paris 1933

 


 

1] Prolog

 

 

Anna 1

Meine Schwester und ich stammen aus Louisiana

Wo die Wasser des Missisippi undterm Monde fließen

Wie Sie aus den Liedern erfaren können.

Dorthin wollen wir zurückkehren

Lieber heute als morgen

 

 

ANNA 2

Lieber heute als morgen!

 

 

ANNA 1

Wir sind aufgebrochen vor vier Wochen

Nach den großen Städten, unser Glück zu versuchen.

In sieben Jahren haben wir's geschafft,

Dann kehren wir zurück.

 

 

ANNA 2

Aber lieber schon in sechs!

 

 

ANNA 1

Denn auf uns warten unsre Eltern und zwei Brüder in Louisiana,

Ihnen schicken wir das Geld, das wir verdienen,

Und von dem Gelde soll gebaut werden ein kleines Haus,

Ein kleines Haus am Mississippi in Louisiana.

Nicht wahr, Anna?

 

 

ANNA 2

Ja, Anna.

 

 

ANNA 1

Meine Schwester ist schön, ich bin praktisch.

Sie ist etwas verrückt, ich bin bei Verstand.

Wir sind eigentlich nicht zwei Personen,

Sondern nur eine einzige.

Wir heißen beide Anna,

Wir haben eine Vergangenheit und eine Zukunft,

Ein Herz und ein Sparkassenbuch,

Und jede tut nur, was für die andre gut ist.

Nicht wahr, Anna?

 

 

ANNA 2

Ja, Anna.

 

 

 

 

2] 1. Faulheit

 

 

FAMILIE

Hoffentlich nimmt sich unsre Anna auch zusammen.

- Müßiggang ist aller Laster Anfang

Sie war ja immer etwas eigen und bequem.

- Müßiggang ist aller Laster Anfang

Und wenn man die nicht aus dem Bett herauswarf,

- Müßiggang ist aller Laster Anfang

Dann stand das laule Stück nicht auf am Morgen.

- Müßiggang ist aller Laster Anfang

 

 

Anderseits ist ja unsre Anna ein sehr aufmärksames Kind.

- Müßiggang ist aller Laster Anfang

Sie war immer folgsam und den Eltern treu ergeben.

- Müßiggang ist aller Laster Anfang

Und so wird sie es, wir wollen hoffen,

- Müßiggang ist aller Laster Anfang

Nicht am nöt'gen Fleiße fehlen lassen in der Fremde.

- Müßiggang ist aller Laster Anfang

 

 

DIE FAMILIE

Der Herr erleuchte unsre Kinder,

Daß sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt.

Er gebe ihnen die Kraft und die Freudigkeit,

Daß sie nicht sündigen gegen die Gesetze,

Die da reich und glücklich machen.

 

 

 

3] 2. Stolz

 

 

ANNA 1

Als wir aber ausgestattet waren,

Wäsche hatten, Kleider und Hüte,

Fanden wir auch bald eine Stelle in einem Kabarett als Tänzerin,

Und zwar in Memphis, der zweiten Stadt unsrer Reise.

 

 

Ach, es war nicht leicht für Anna.

Kleider und Hüte machen ein Mädchen hoffärtig.

Wenn die Tiger trinkend

Sich im Wasser erblicken,

Werden sie oft gefährlich!

 

 

Also wollte sie eine Künstlerin sein

Und wollte Kunst machen in dem Kabarett,

In Memphis, der zweiten Stadt unsrer Reise.

 

 

Und das war nicht, was dort die Leute wollen,

Was dort die Leute wollen, war das nicht.

 

 

Denn diese Leute zahlen und wollen,

Daß man etwas herzeigt für ihr Geld.

Und wenn da eine ihre Blöße versteckt wie'nen faulen Fisch,

Kann sie auf keinen Beifall rechnen.

 

 

Also sagte ich meiner Schwester Anna:

"Stolz ist etwas für die reichen Leute;

Tu was man von dir verlangt und nicht

Was du willst, daß sie von dir verlangen."

 

 

ANNA 1

Manchen Abend hatt' ich meine Mühe,

lhr den Hochmut abzugewöhnen.

Manchmal brachte ich sie zu Bette,

Tröstete sie und sagte ihr:

"Denk an das kleine Haus in Louisiana!"

 

 

- DIE FAMILIE

- Der Herr erleuchte unsre Kinder,

- Daß sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt.

- Wer über sich selber den Sieg erringt,

- Der erringt auch den Lohn.

 

 

 

4] 3. Zorn

 

 

DIE FAMILIE

Das geht nicht vorwärts!

Was die da schicken,

Das sind keine Summen, mit denen man ein Haus haut.

Die verfressen alles selber.

Denen muß man mal den Kopf waschen,

Sonst geht das nicht vorwärts,

Denn was die dummen Tiere schicken,

Das sind doch wirklich keine Summen,

Mit denen man ein kleines Haus baut.

 

 

ANNA 1

Jetzt geht es vorwärts!

Wir sind schon in Los Angeles.

Und den Statisten stehen alle Türen offen.

Wenn wir uns jetzt zusammennehmen

Und jeden Fehltritt vermeiden,

Dann geht es unaufhaltsam weiter nach oben.

 

 

DIE FAMILIE

Der Herr erleuchte unsre Kinder,

Daß sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt.

 

 

ANNA 1

Wer dem Unrecht in den Arm fällt,

Den will man nirgends haben,

Und wer über die Roheit in Zorn gerät,

Der lasse sich gleich begraben.

Wer keine Gemeinheit duldet,

Wie soll der geduldet werden?

Wer da nichts verschuldet,

Der sühnt auf Erden.

 

 

Und so hab' ich meiner Schwester den Zorn abgewöhnt

In Los Angeles, der dritten Stadt der Reise,

Und die offene Mißbilligung des Unrechts,

Die so sehr geahndet wird.

Immer sagte ich ihr: "Halte dich zurück, Anna,

Denn du weißt, wohin die Unbeherrschtheit führt."

Und sie gab mir recht und sagte:

 

 

ANNA 2

"lch weiß es, Anna."

 

 

5] 4. Völlerei

 

 

DIE FAMILIE

Da ist ein Brief aus Philadelphia:

Anna geht es gut.

Sie verdient jetzt endlich.

Sie hat einen Kontrakt als Solotänzerin.

Danach darf sie nicht mehr essen, was sie will und wann sie will.

Das wird schwer sein für unsre Anna,

Denn sie ist doch so sehr verfressen.

Ach, wenn sie sich da nur an den Kontrakt hält,

Denn die wollen kein Nilpferd in Philadelphia.

 

 

Sie wird jeden Tag gewogen.

Wehe, wenn sie ein Gramm zunimmt,

Denn die stehen auf dem Standpunkt:

52 Kilo haben wir erworben,

52 Kilo ist sie wert.

Und was mehr ist, ist vom Übel.

 

 

 

Aber Anna ist ja sehr verständig,

Sie wird sorgen, daß Kontrakt Kontrakt ist.

Sie wird sagen: Essen kannst du schließlich in Louisiana, Anna.

 

 

Hörnchen! Schnitzel! Spargel! Hühnchen!

Und die kleinen gelben Honigkuchen!

Denk an unser Haus in Louisiana!

Sieh, es wächst schon, Stock- um Stockwerk wächst es!

Darum halte an dich: Freßsucht ist vom Übel.

Halte an dich, Anna,

Denn die Freßsucht ist vom Übel.

 

 

 

6] 5. Unzucht

 

 

ANNA 1

Und wir fanden einen Mann in Boston,

Der bezahlte gut, und zwar aus Liebe.

Und ich hatte meine Not mit Anna,

Denn auch sie liebte, aber einen andern,

Und den bezahlte sie, und auch aus Liebe.

Ach, ich sagte ihr oft:

"Ohne Treue bist du höchstens die Hälfte wert.

Man bezahlt doch nicht immer aufs neue,

Sondern nur für das, was man verehrt.

 

 

Das kann höchstens eine machen,

Die auf niemand angewiesen ist.

Eine andre hat nichts zu lachen,

Wenn sie einmal ihre Situation vergißt."

Ich sagte ihr:

"Setz dich nicht zwischen zwei Stühle."

Und dann besuchte ich ihn

Und sagte ihm:

"Solche Gefühle Sind für meine Schwester Anna der Ruin.

 

 

 

Das kann höchstens eine machen,

Die auf niemand angewiesen ist.

Eine andre hat nichts zu lachen,

Wenn sie einmal ihre Situation vergißt."

 

 

Leider traf ich Fernando noch öfter.

Es war gar nichts zwischen uns. - Lächerlich!

Aber Anna sah uns, und leider

Stürzte sie sich gleich auf mich.

 

 

DIE FAMILIE

Der Herr erleuchte unsre Kinder,

Daß sie den Weg erkennen,

der zum Wohlstand führt,

Daß sie nicht sündigen gegen die Gesetze,

Die da reich und glücklich machen

 

 

ANNA 1

Und sie zeigt ihren kleinen weißen Hintern,

Mehr wert als eine kleine Fabrik,

Zeigt ihn gratis den Gaffern und Straßenkindern,

Der Welt profanen Blick.

 

Das gibt immer solche Sachen,

Wenn man sich ein einz'ges Mal vergißt.

Das kann höchstens mal eine machen,

Die auf keinen Menschen angewiesen ist.

 

 

DIE FAMILIE

Wer über sich selber den Sieg erringt,

Der erringt auch den Lohn.

 

 

ANNA 1

Ach, war das schwierig, alles einzurenken,

Abschied zu nehmen von Fernando

Und sich bei Edward zu entschuldigen,

und die langen Nächte,

Wo ich meine Schwester weinen hörte und sagen:

 

 

ANNA 2

"Es ist richtig so, Anna,

aber so schwer."

 

 

 

7] 6. Habsucht

 

 

DIE FAMILIE

Wie hier in der Zeitung steht,

ist Anna schon in Baltimore,

Und um sie schießen sich allerhand leute tot.

 

 

Da wird sie viel Geld verdienen,

Wenn so was in der Zeitung steht.

Das ist gut, das macht einen Namen

Und hilft einem Mädchen vorwärts.

Wenn sie da nur nicht zu gierig ist,

Sonst macht man sich nichts mehr aus ihr.

 

 

Wenn sie da nur nicht allzu gierig ist.

Sonst macht man bald einen großen Bogen um sie.

 

 

Wer seine Habsucht zeigt,

Um den wird ein Bogen gemacht.

Mit Fingern zeigt man auf ihn,

Dessen Geiz ohne Maßen ist!

Wenn die eine Hand nimmt,

Muß die andere geben;

Nehmen für geben, so muß es heißen,

Pfund für Pfund!

So heißt das Gesetz!

 

 

Darum hoften wir, daß unsere Anna auch so vernünftig ist

Und den Leuten nicht ihr letztes Hemd wegnimmt

Und ihr letztes Geld.

Nackte Habsucht gilt nicht als Empfehlung.

 

 

 

8] 7. Neid

 

 

ANNA 1

Und die letzte Stadt der Reise war San Francisco.

Alles ging gut, aber Anna war oft müde und beneidete jeden,

Der seine Tage zubringen durfte in Trägheit.

Nicht zu kaufen und stolz

In Zorn geratend über jede Roheit,

Hingegeben seinen Trieben, Ein Glücklicher!

Liebend nur den Geliebten

Und Offen nehmend, was immer er braucht.

Und ich sagte meiner armen Schwester,

Als sie neidisch auf die andern sah:

"Schwester, wir alle sind frei geboren

Und wie es uns gefält, können wir gehen im Licht.

Also gehen aufrecht im Triumphe die Toren,

Aber wohin sie gehn, das wissen sie nicht.

Schwester, folg mir und verzicht auf die Freuden,

Nach denen es dich wie die andern verlangt.

Ach, Überlaß sie den törichten Leuten,

Denen es nicht vor dem Ende bangt!

Iß nicht und trink nicht und sei nicht träge,

Die Strafe bedenk, die auf Liebe steht.

Bedenk, was geschicht, wenn du tätst, was dir läge,

Nütze sie nicht, nütze sie nicht,

Nütze die Jugend nicht, denn sie vergeht.

Schwester, folg mir, du wirst sehen, am Ende

Gehst im Triumph du aus allem hervor.

Sie aber stehen, o schreckliche Wende,

Zitternd im Nichts vor verschlossenem Tor."

 

 

DIE FAMILIE

Wer über sich selber den Sieg erringt,

Der erringt auch den Lohn.

 

 

 

9] Epilog

 

 

ANNA 1

Darauf kehrten wir zurück nach Louisiana,

Wo die Wasser des Mississippi unterm Monde fließen.

Sieben Jahre waren wir in den Städten,

Unser Glück zu versuchen.

Jetzt haben wir's geschafft.

Jetzt steht es da, unser kleines Haus in Louisiana.

Jetzt kehren wir zurück in unser kleines Haus

Am Mississippi-Fluß in Louisiana.

Nicht wahr, Anna?

 

 

ANNA 2

Ja, Anna.

 

 


 

Programmtext zu einem Konzert der Sinfonietta 92 am 22.6.2001

 

Kurt Weill - "Die sieben Todsünden"

Die Machtergreifung der Nazis 1933 zwang den jüdischen Komponisten Kurt Weill, Deutschland zu verlassen. Als Exilort wählte er Paris, wo er bereits durch seine Werke "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", "Der Jasager" und "Die Dreigroschenoper" bekannt geworden war. Hier erhielt er den Auftrag, für die neu gegründete Truppe "Ballets 1933", an deren Spitze zwei ehemalige Mitglieder Diaghilews standen, ein Tanzstück zu schreiben. Weill, der davon ausging, in Paris "noch einmal von vorn zu beginnen", sagte zu, bestand jedoch auf völlige Freiheit beim Ausprobieren gewisser unkonventioneller Ideen.

So entzieht sich das entstandene Werk, in dem getanzt, gesungen und gespielt wird, auch einer genauen stilistischen Bezeichnung. Der Musikwissenschaftler Gottfried Wagner spricht von einer "epischen Kurzoper mit songspielhaften Elementen auf der Basis eines Balletts." Das in nur wenigen Monaten unter den Bedingungen des Exils erarbeitete Stück führte Menschen zusammen, die sonst keinen Kontakt mehr miteinander gehabt hätten. Bertold Brecht, der 1931, während der Proben zu Mahagonny Weill als "falschen Richard Strauss" beschimpft und gedroht hatte, ihn "in voller Kriegsbemalung" die Treppe herunterzuwerfen, schrieb das Libretto. Für die Rolle der Anna 1 wurde Lotte Lenya, die Ehefrau des Komponisten, engagiert. Sie hatte sich vor kurzem von ihm getrennt, und das Scheidungsverfahren lief bereits. Außerdem wirkten Caspar Neher als Bühnenbildner, George Balanchine als Choreograph und Tilly Losch als erste Tänzerin mit.

Im Juni 1933 wurden die "Todsünden" im "Theatre des Champs Elysèes" uraufgeführt. Doch das Werk hatte, vermutlich weil in deutscher Sprache gesungen, nicht den gewünschten Erfolg. Nur die in Paris lebenden deutschen Emigranten reagierten enthusiastisch. Walter Mehring berichtete: "Eine Elite feierte Künstler und Interpreten, wie man sie aus der großen Epoche der deutschen Theaterkunst gewohnt war."

Erst durch die Plattenaufnahme mit Lotte Lenya, die 1956 erschien, wurde das Ballett einem großen Publikum bekannt. Dabei verschwieg die Produktionsfirma, dass man die Musik der Stimme der inzwischen 57 jährigen angepasst und eine Quarte tiefer transponiert hatte. Brecht und Weill zeigen in diesem Stück eine verkehrte Welt. Schon der Titel Die sieben Todsünden der Kleinbürger wirkt ironisch. Früher galt der Begriff der Todsünde als Warnhinweis für alle sozialen Gruppen. Verhaltensweisen wie Stolz, Zorn oder Völlerei sollten in einem gottesfürchtigen Leben vermieden werden, um die Unsterblichkeit der Seele und Aufnahme in das himmlische Paradies zu erreichen. Mit materiellen Bestrebungen hatten diese Lebensregeln wenig zu tun.

Im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts ist jedoch das Erringen wirtschaftlichen Wohlstandes oberstes Gebot. Ein Haus in Lousiana: für diesen Traum wird Anna von ihren Eltern und den beiden Brüdern in die Welt geschickt, um Geld zu verdienen. Diese Idee erscheint etwas merkwürdig. Warum gehen nicht die Männer in die große weite Welt? Von der Tochter wird erwartet, dass sie alle menschlichen Reaktionen und Emotionen unterdrückt, um Erfolg zu haben. Sie darf kein Mitgefühl zeigen, wenn anderen Unrecht wiederfährt, sie muß in billigen Etablissements tanzen und ihren Körper verkaufen, und sie darf sich nicht der wahren Liebe hingeben.

Diesem Druck hält Anna nicht stand, und sie zerbricht innerlich in zwei Personen. Anna 1 symbolisiert den erfolgsstrebenden, kontrollierenden und gefühlskalten Teil des Mädchens. Sie erzählt ihre Geschichte in Worten. Dem steht die hübsche, gefühlvolle "ein bisschen verrückte" Anna 2 gegenüber, die ihren Part vor allem durch Bewegungen ausdrückt.

Weill stellt die Geschichte des Mädchens, das sieben Jahre lang durch sieben Städte reist, in sieben Nummern dar. Umrahmt wird die Handlung durch Prolog und Epilog. Jeder Nummer liegt die Adaption einer einzelnen populären Musikform wie z.B. Walzer, Furiant, Foxtrott, Shimmy, Dixieland und Tarantella zugrunde. Der Zuhörer wird immer wieder durch radikale Stilwechsel innerhalb einer Nummer überrascht. Sprach- und Musikrhythmus scheinen oft nicht zusammenzupassen, und Musik und Text bilden häufig einen Gegensatz. Solisten und Orchester agieren teilweise fast unabhängig voneinander. So entstehen z.B. in der Nummer Stolz drei verschiedene rhythmische Ebenen gleichzeitig: Orchester, Familie und Anna 1.

Psychologisch genau charakterisiert Weills Musik die handelnden Figuren. Anna 1 wird als der aktiven Person viel Text, eine eigene typische Gesangslinie und Orchesterbegleitung zugebilligt. Die passive Anna 2 hingegen reagiert nur mit einzelnen Sätzen, die sie einfach in die Musik hineinspricht. Ein Männerquartett stellt die Familie dar, wobei besonders originell ist, dass die Rolle der Mutter von einem Bass gesungen wird. Bibelversähnliche Ermahnungen wie "Müßiggang ist aller Laster Anfang" und litaneiartige Kommentare wie "Der Herr erleuchte unsere Kinder ..." unterstreichen die Verlogenheit der Sippe. Das findet seinen Höhepunkt in Nr. 5 "Unzucht", als Anna deutlich zur Prostitution aufgefordert wird und die Familie dazu einen süßlichen Choral anstimmt.

Zum Schluss hat Anna zwar das Ziel, das kleine Haus in Lousiana erreicht, doch ist sie glücklich? Die Musik des Epilogs klingt eher schwerfällig und resigniert und erinnert an einen Trauermarsch. Vergebens wartet man auf einen Dank der Familie an Anna.

Brecht und Weill moralisieren nicht und bieten keine Alternativen an. So erscheint der Vorwurf der einseitigen Kapitalismuskritik, der dem Stück oft gemacht wird, nicht angebracht. Jede Gesellschaft versucht, durch die Aufstellung bestimmter Verhaltensregeln und das Versprechen eines traumhaften Zieles ihre Mitglieder zu beeinflussen. Wer sich dem passiv hingibt, kann ein Schicksal wie Anna 2 erleben.

Beate Müns